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Die Vierzeiler des 'Omar Chajjám. Übersetzt nach der Bodley'schen Handschrift von Walter von der Porten. Hamburg, Friedrichesen, 1927.

Von der Porten's translation of the Bodleian quatrains.


1
Wenn ich auch Perlen nie in Deinem Dienst gereiht,
Auch nie von Sündenstaub mein Angesicht befreit,
So hoff' ich doch, daß Du Vergebung mir gewährest,
Der eine Einheit niemals einer Zweiheit zeiht.

 

2
Im Gasthaus mit Dir dem Geheimnis nachzugehn,
Ist mehr, als ohne Dich vor dem Mihrâb zu stehn.
Wirst Du, Du erster und Du letzter aller Schöpfung,
Für mich einst Feuer oder Gnade ausersehn?!

 

3
Nicht darfst du Männer schelten, die da zechen,
Du mußt mit Heuchelei und Falschheit brechen;
Willst du nach diesem Leben Ruhe finden,
Verwirf die Schwachen nicht ob ihrer Schwächen.

 

4
Verletze nicht der andern Menschen Seelen,
Laß sie am Feuer deines Zoms nicht schwelen;
Wenn es nach ew'gem Frieden dich verlangt,
Darfst du dich selbst, doch nicht die andern quälen.

 

5
Da niemand uns das Morgen heut' verspricht,
Trag jetzt in düstre Herzenskammer Licht,
Schenk ein den Wein im Mondenschein! Der Mond
Wird oft uns suchen und entdeckt uns nicht.

 

6
Seht den Korân, als höchstes Wort geschätzt,
Ihn lesen heute sie zu allerletzt,
Doch liest man überall und jederzeit,
Ob in das Glas das rechte Maß geätzt.

 

7
So! Wir und Wein und Freunde am zerfallnen Herde!
Was tut's, ob Gnade, ob Verdammnis uns einst werde,
Des Weines Hefe klebt an Seelen, Bechern, Kleidern,
Was kümmert uns noch Feuer, Wasser, Luft und Erde?

 

8
In diesem Leben habe Wen'ge gern,
Und halte diese Wenigen Dir fern.
Glaubst du, du könntest einem ganz vertraun,
Prüf' ihn! und du entdeckst der Feindschaft Kern.

 

9
Wie ich verliebt, der Krug einst klagend sang
Und sehnte sich nach der Geliebten bang;
Einst war der Henkel, den am Hals du siehst,
Sein Arm, der sich um ihren Nacken schlang.

 

10
Weh' dem, der ohne Leidenschaft geboren,
Der nie der Liebe Zauber sich erkoren:
Der Tag, der ohne Liebe dir vergeht,
Ist ein für allemal für dich verloren.

 

11
Der Sturm der Jugend schüttelt meine Glieder;
Bringt Wein herbei! er bringt des Frohsinns Lieder!
Werft mir nicht vor: Süß-saurem sei ich hold,
Süß-sauer spiegelt ja mein Leben wider.

 

12
Du kannst doch heute nicht das Morgen zwingen,
Um morgen bangen, kann nur Trübsal bringen;
Nur wer umnachtet, laßt den Tag verstreichen;
Wer wei denn, wie das Leben wird verklingen!

 

13
Ringsum die Welt in lenzesfrohem Taumel lacht.
Auch den, der weltlos, lockt hinaus des Keimens Macht,
Wie Moses Hand treibt weiße Blüten jeder Zweig,
Ein jeder Hauch, wie Jesu Atem, ruft: Erwacht!

 

14
Die Frucht vom Wahrheitsbaum bleibt dem versagt,
Der auf dem Wege zweifelt und verzagt,
Wir schlagen schwach nach irgendeinem Aste,
Doch heut' wird gestern, wenn der Morgen tagt.

 

15
Nach Stein und Meißel forscht' ich, seit die Welt entstand,
Ob ihn geführt des Himmels, ob der Hölle Hand;
"Der Stein und Meißel, Himmel, Hölle" sprach der Meister
"Sind wahrlich nur Begriffe, die der Mensch erfand."

 

16
Komm und bring Wein! So hell des Lebens Becher klirrt,
So voll, wenn, Liebchen, mich dein kleiner Mund umgirrt!
Schenk ein den roten Saft, so rot wie deine Wangen!
Wie deine Locken ist der Buße Pfad verwirrt.

 

17
Im Frühlingshauch die Rose sanft sich neigt,
Herzliebchen mir ihr sanftes Lächeln zeigt.
Das Gestern, weil vergangen, ist heut' bitter,
Nur Heut' ist süß, drum von dem Gestern schweigt!

 

18
Wie wertlos ist's, laß Kiesel in den See ich fliegen,
Mich ekelt's, wenn verzückt vorm Feuer Ketzer liegen.
Chajjâm! Wer kann, daß er zur Hölle geht, behaupten?
Wer ist der Hölle, wer dem Himmel je entstiegen?

 

19
Er nahm die Elemente, und Er formt' den Becher,
Daß der zur Scherbe wieder werde, schmerzt den Zecher;
Der Hals, der schlanke Fuß! Was Er aus Liebe schuf
Mit Künstlerhand, zerstört Er wieder das als Rächer?

 

20
Wie Wasser in dem Strom, wie Wüstenwind
Die Tage spurlos mir vergangen sind.
Zwei Tage haben niemals mich gegrämt:
Der Tag, der war, und der der Zukunft Kind.

 

21
Ich kam zur Welt, mein Kismet war ein harter Pfühl,
Muß wider Willen gehn ich, wer fragt, was ich fühl?!
Komm, Schenke! gürte deine Lenden, bring mir Wein,
Daß ich das Elend dieser Welt hinunterspül!

 

22
Chajjam! Wer an der Weisheit Zelt zu näh'n begehrt,
Wird von des Trübsinns Flammengluten schnell verzehrt.
Des Schicksals Schere schneidet seines Lebens Stränge,
Der Hoffnungshändler schlagt ihn los, weit unterm Wert.

 

23
Was grämst du dich ob deiner Sünden, o Chajjâm?
Ob durch dein Grämen jemals dir ein Vorteil kam?
Die Gnade ist für keinen, der da sündenlos -
Die Gnade ist für Sünden: Warum denn dein Gram?

 

24
Die sind in Synagoge, Kloster, Schule, Zelle,
Die auf zum Himmel schrein, aus Angst nur vor der Hölle;
Wer die Geheimnisse des Einen Gotts erfahren,
Sät tauben Samen nicht vor seines Herzens Schwelle.

 

25
Wenn mir im Lenz auf üpp'gen Rasenflächen
Ein Weib den Krug voll Wein kredenzt zum Zechen,
Wär' schlechter als ein Hund ich, würd' ich's wagen,
Den Namen meines Gottes auszusprechen.

 

26
Die Seele - wisse - muß sich einst vom Körper trennen,
Dann wirst du hinter Seinem Schleier Gott erkennen,
Trink Wein, denn du weißt nicht, woher du bist gekommen,
Und auch das Ziel, wohin du gehst, kannst du nicht nennen.

 

27
Ich schlief, ans Ohr der Weisheit Stimme schlug:
"Des Glückes Rose niemals Blüten trug
Dem Schläfer. Meide du des Todes Bruder!
Trink Wein! Du schläfst dereinst noch lang genug."

 

28
Mein Innres sprach: "Ich will das Wissen, das nicht trügt,
"Bist du's, der über solche Wissenschaft verfügt?"
Ich sprach: "das Alif." "Weitren Worts bedarf es nicht,
"Denn wo das Eine ist, das Eine sich genügt."

 

29
Kein Mensch den Vorhang lüpft, den das Geheimnis webt,
Und niemand weiß, wohin die Weltenordnung strebt.
Nur in der Erde Schoß ist sichre Ruhestätte,
Und endlos sind die Mären, darum trinkt und lebt!

 

30
Enthülle nicht Mysterien den Gemeinen,
Dem Narrn mußt das Geheimnis du vemeinen;
In allem, was du sagst, sei wohl bedacht,
Laß nicht dem Volk der Hoffnung Fackel scheinen.

 

31
Am Urbeginn verzeichnete den Gang des Lebens
Die Feder - unbeirrt und achtlos unsres Strebens;
Am ersten Tag bestimmte Er der Welt Geschehen,
Und unser Leiden, unser Trachten ist vergebens.

 

32
Im Blumenmond, wo sich der Strom am Ufer bricht,
Wo Freunde lächeln und des Liebchens Angesicht,
Dorthin bringt Wein! Wer mit dem Wein den Morgen grüßt,
Der schert sich um Moschee und Synagoge nicht.

 

33
Des Himmels Gürtel hält den müden Leib umschlossen,
Dschihûn entstand, wo meine bittren Zähren flossen;
Die Hölle ist ein Funke, wildem Gram entlockt,
Das Paradies ist kurzer Seelenruh entsprossen.

 

34
Sie sagen all', daß Huris Edens Liebreiz mehren,
Ich sag': nichts reizt mich mehr, als frohe Becher leeren.
Halt dich ans bare Geld und auf Zukunftszahlung,
'S ist besser, Trommeln aus der Ferne anzuhören.

 

35
Trink Wein! Hinüber schläfst du bald ins Zeitenlose,
Kein Freund zur Seite und kein Weib, das dich liebkose;
Vertraue keinem Menschen das Geheimnis an:
Einmal verdorrt, blüht niemals mehr empor die Rose.

 

36
Trink Wein! Solch Leben gibt dir Ewigkeit!
Dies sind die Früchte aus der Jugendzeit:
Der Rosenmond und Wein und Trinkkumpane!
Froh ist nur, wer dem Augenblick sich weiht.

 

37
Bringt Wein! Dem wunden Herzen tut er wohl,
Er ist der Freund, für Balsam das Symbol;
Des Trunkes Hefe ist mir viel mehr wert
Als Himmels Dom, der wie ein Schädel - hohl.

 

38
Ich hör' von links und rechts stets das Geschwätz,
Daß ich beim Wein die Religion verletz',
Ich lernte doch, daß Wein des Glaubens Feind:
"Ich schlürf' sein Blut, so will's doch das Gesetz!"

 

39
Der Krug ist Schacht, der Wein geschmolzener Rubin,
Der Krug ist Körper, und der Wein ist Geist darin;
Kristall, aus dem der rote Wein dir lächelnd fließt,
Die Träne, ach, mit der mein Herzblut ebbt dahin.

 

40
Ich weiß es nicht, ob Allah will, daß ich, sein Sohn,
Dereinst im Himmel oder in der Hölle wohn';
Gib mir ein Lieb und Wein und Brot auf grünem Rasen:
Das ist mir bare Münze, du nimm Himmelslohn.

 

41
Stets Gutes, Böses wird in dir entfacht,
Dir Glück und Leid vom Schicksal zugedacht.
Nicht zürne ew'ger Weisheit: Tausendfach
Ist in dir größer deine eigne Macht.

 

42
Wem Liebe stets die Lebensblätter wendet,
Der hat nicht einen einz'gen Tag verschwendet:
Entweder suchst du Gottes Beifall oder
Den Weinkrug, der dir Wohlbehagen spendet.

 

43
Wo eine Rose oder Tulpe sproß,
Das rote Blut einst eines Kaisers floß;
Wo aus der Erde jetzt ein Veilchen lugt,
Ein Grab sich über zartem Magdlein schloß.

 

44
Sei klugl Das Glück übt oft Verrat am Jetzt:
Gib acht, das Schicksal hält das Schwert gewetzt.
Legt Glück dir Zuckermandeln in den Mund,
So schluck' sie nicht, sie sind mit Gift durchsetzt.

 

45
Die grüne Au, ein Krug voll Wein und Liebchens Blick,
Sie raubten mir den Ruf, dir Paradieses Glück;
Dem ist der Himmel Kismet, jenem ist's die Hölle!
Wer kam von Höllen- oder Himmelfahrt zurück?

 

46
Dem Wangenrot würd' eine Rose schätzen,
Dein Antlitz überstrahlt selbst Chinas Götzen,
Dein Blick bot Schach dem König: Ritter, Läufer,
Turm, Dame, Bauer mußt' er gegensetzen.

 

47
Was gilt mir Balch und was Baghdâd? Mein Sein erlischt.
Ob Süßes oder Bittres mir ward aufgetischt.
Wie gleich ist's nun; der Krug ist voll, und durch Äonen
Scheint noch der Mond, wenn unser Name langst verwischt.

 

48
Wer seinen süßen Dattelwein genießt,
Vor dem Mihrâb die ganzen Nächte büßt,
Steckt tief im Sumpf, ihm winkt kein trockner Pfad,
Gott wacht, der Schlaf die anderen umschließt.

 

49
Verstand tappt suchend nach des Glückes Tor
Und hält dir hundertmal am Tage vor:
Bedenke stets, du gleichst dem Kraute nicht,
Das abgepflückt von neuem blüht empor.

 

50
Die Narren, die am Grübeln, Tüfteln kranken,
Vergehn, weil sie um Sein und Nichtsein zanken.
Du Narr! sieh, daß den Traubensaft du wählest:
Durch dürre Frucht verdorren die Gedanken.

 

51
Mein Kommen brachte nicht Gewinn den Sphären,
Mein Gehen wird nicht Glanz noch Würde mehren,
Mit meinen Ohren hort' ich nichts, das könnte
Des Gehens und des Kommens Zweck erklären.

 

52
Auslöschung bringt in Gottes Liebe Wallen
Und bringt Vernichtung in des Schicksals Krallen.
O holder Schenke, sitz nicht träge da,
Bring Wasser, denn ich muß zu Staub zerfallen!

 

53
Nichts blieb von unserm Glück uns als der Schein,
Der einz'ge alte Freund ist neuer Wein;
Den Weinkrug her! Kommt laßt uns fröhlich sein.
Bald bleibt mir in der Hand der Krrug allein!

 

54
Die Feder schrieb, du änderst nichts an ihren Zügen,
Die Grübeleien mehren nur das Leid und trügen,
Und wenn du Leid dein ganzes Leben auch erduldest,
Vermagst du nicht Sekunden ihm hinzuzufügen.

 

55
O Herz! Flieh ihn, den eigne Schwäche quält,
Der sich durch Insichschaun nach außen stählt,
Nimm an des Derwisch Armut teil, vielleicht,
Daß dich der Auserwählten Kreis erwählt.

 

56
Die Alten gehn, um neu sich zu gestalten,
Zu kurzem Glanz! erglühen und erkalten.
So lange Gottes Wesenheit besteht.
Entstehen Keime in der Erde Spalten.

 

57
Die Narren, die das Scheinbild Wahrheit nennen,
Behaupten, man muß Geist und Körper trennen:
Stülp' ich den roten Tonkrug mir auf's Haupt,
Sie würden mich am Kamm als Hahn erkennen!

 

58
Die Körper, die wir sehn im himmlischen Palast,
Sind Rätsel, die zu lösen glaubt nur ein Phantast.
Gib acht! Laß dir des Wissens Seile nicht ent intgleiten,
Denn selbst die Lenker manches Mal ein Schwindel faßt.

 

59
Ich bin kein Feigling, der sein Nichtsein scheut,
Das "dann" vielleicht ist besser, als das "heut";
Dies Leben ward mir einst von Gott verliehn,
Ich geb's zurück, wenn es die Zeit gebeut.

 

60
Geheimnisvoll des Lebens Karawane findet
Den Weg; wohl dem, der einer Stunde Glück empfindet.
Was sorgst du, Schenke, dich ums Morgen deiner Gäste?
Bring den Pokal voll Wein, denn sieh, die Nacht entschwindet.

 

61
Mein Lieb verdreht den Kopf mir leicht jetzt, wo ich alt,
Und über mich hat süßer Dattelwein Gewalt!
Mein Lieb hat Reue, die Verstand vedangt, zerstört,
Mein Kleid, das Langmut wob, dem Lenz Tribut gezahlt.

 

62
Hat auch der Wein den Schleier mir zerrissen,
Will ich, solang ich atme, Wein nicht missen.
Es quält mich, daß die Winzer Wein verkaufen
Und doch nichts Besseres zu kaufen wissen.

 

63
Freigebigkeit und Güte zu Beginn, - warum?
Ein frohes Leben dann und leichter Sinn, - warum?
Jetzt scheint mir Dein Bemühn, mir weh zu tun,
Was ist mein Fehl, o Herr, ist's, daß ich bin? - warum?

 

64
Ich habe stets die hurigleichen Schönen geme,
Ach, säß ich stets bei Traubensaft in der Taberne!
Sie sagen: "Möge Allah Einkehr dir gewahren."
Er tut es nicht, ich will's auch nicht; bleib sie mir ferne.

 

65
Im Gasthaus dient zur Waschung nur der Wein,
Bescholtner Ruf wird niemals wieder rein;
Trinkt Wein! Zerfetzt für immer ist die Hülle,
Enthaltung selbst hüllt uns nicht wieder ein.

 

66
Ein Mann ging auf dem Dache einsam auf und ab,
Sein Fuß dem Lehm des Estrichs achtlos Tritte gab;
Es raunt der Lehm: "Auch über dich geht ernst ein Fuß
Hinweg, wenn sich dein Staub mit Erde mischt im Grab."

 

67
Das Wetter klärt sich, milde Winde wehen sacht,
Die Wolke wusch die Rose zu erneuter Pracht.
Die Nachtigall in fast vergeßner Zunge spricht:
"Vergilbte Rose, Heilung such' durch Weines Macht."

 

68
Eh' schicksalsdunkle Schrecken dich umgeben,
Bestelle dir den roten Saft der Reben,
Du bist kein Goldschatz, du hohlköpf'ger Narr,
Den man verscharrt, um später ihn zu heben.

 

69
Labt mich mit Wein, Ihr Freunde, und ich will's euch danken,
Noch einmal rötet sich die fahle Wang' des Kranken;
Wenn ich verschieden, waschet meinen Leib mit Wein,
Und zimmert aus dem Weinfaß meines Sarges Planken!

 

70
O Schah! Das Schicksal dich zum Herrscher schuf,
Auf deinem Hengst folgst du des Ruhmes Ruf,
Und silbern klingt es, wo den Boden schlägt
des stolzen Hengstes goldbeschlagner Huf.

 

71
Wertlos ist Liebe ohne Herzensblut,
Wie Feuer im Verglimmen: ohne Glut,
Wer liebt, irrt friedlos, hungernd, Tag und Nacht,
Und findet keine Stätte, wo er ruht.

 

72
Der Ewigkeit ward nie die Lösung abgerungen,
Kein Fuß ist jemals in die Sphären vorgedrungen.
Und seh ich Lehrling oder Meister an, es ist
Noch keinem Menschenkind vollkommnes Werk gelungen.

 

73
Hemm' deinen Ehrgeiz, such' Zufriedenheit zu finden.
Zerreiß die Stricke, die an Gut und Schlecht dich binden,
Trink Wein, zerzaus' des Liebchens Locken, allzuschneII
Vergehet alles, und die Lebenstage schwinden.

 

74
Des Himmels Regen hat die Blütenzeit erneut,
Als ob ihn selbst des Gartens Blumenduft erfreut;
Ich schütte roten Wein in lilienschlanken Kelch,
Wie dunkle Wetterwolke Blütenregen streut.

 

75
Ich trinke Wein und mit mir, wer vernünftig,
Wie winzig gilt's Ihm, daß wir winzerzünftig,
Er wußt' am Schöpfungstag, ich würde trinken,
Tränk' ich jetzt nicht, weiß Er doch nicht, was künftig!

 

76
Laß dich von Kummer nicht umgarnen und bezähmen,
Laß eitle Sorgen nicht den Tatendrang dir lähmen,
Halt dich ans Buch, an Liebchens Mund, an grüne Ufer,
Bald wird die Erde dich an ihren Busen nehmen.

 

77
Komm und trink Wein! Er ist Arznei dem Kranken.
Die zweiundsiebzig Sekten laß sich zanken;
Der große Alchemist ist Wein, aus ihm
Ein Elixir bannt tausend Wahngedanken.

 

78
Der Wein ist unerlaubt, doch kommt's drauf an,
Wer trinkt, mit wem, und dann wieviel und wann,
Wenn diese vier sich recht zusammenfinden,
Da trinkt doch wohl ein jeder weise Mann.

 

79
Du wirst als Staub im Staub der Erde liegen,
Die Erde wird zu Ton, und Ton zu Krügen,
Was geht dich Hölle oder Himmel an,
Der Aberwitz kann Weise nicht betrügen.

 

80
Der Zephyr will der Welt den Blütenschmuck anlegen,
Sie öffnet ihre Augen, wartend auf den Regen,
Wie Moses Hand so zeigen Sträucher weiBe Kätzchen,
Und Jesu Hauch strömt aus dem Erdreich uns entgegen.

 

81
Ein Tropfen, den der Schenke hier vergießt,
Als Balsam in ein brennend Auge fließt,
Und, - Allah sei gelobt! du mußt bekennen,
Daß Wein des Herzens tausend Wunden schließt.

 

82
Der Morgentau erfrischt der Tulpe Wangen,
Das Veilchen läßt betaut das Köpfchen hangen;
Am meisten lieb' ich doch die Rosenknospe,
Wenn keusch die Blütenblätter sie umfangen.

 

83
O Freunde, sitzt beim Wein ihr in den Schenken,
Vergeßt mich nicht beim frohen Becherschwenken,
Leert eure Gläser, macht die Nagelprobe,
Dann werdet sicher ihr des Freunds gedenken.

 

84
Ihr Freunde, wenn ihr sitzt im frohen Kreise,
Und jeder freut sich an des andem Weise,
Und wenn der Magierwein die Runde macht,
Des Wandrers denkt mit einem Gruße leise.

 

85
Der Wein gilt hundert Herzen, hundert Religionen,
Ein Trunk des roten Weins gilt Chinas Kaiserkronen,
Nichts gibt es auf der Welt, das sauer ist wie Wein
Und doch mit hundert süßen Seelen nicht zu lohnen.

 

86
Suchst Gott du, mußt von Weib und Kind du scheiden,
Mußt der Verwandten Kreis und Freunde meiden,
Besitz ist Hindernis: auf Seinem Pfad
Mußt du dich des Besitzes ganz entkleiden.

 

87
Füll' das Kristall mit edlem Roten,
Bring mir den Freund, der Freude Boten!
Nur kurz währt dieser Erdenstaub,
Ein Windstoß fegt uns zu den Toten.

 

88
Ach komm, bring dem bedrückten Herzen Medizin,
Bring moschusduft'gen Wein, gefärbt wie ein Rubin;
Die Elemente für des Kummers Gegengift
Sind roter Wein und eine Lautenspielerin.

 

89
Jüngst sah ich einen Töpfer im Bazar,
Der unbarmherzig schlug, wie ein Barbar,
Den frischen Lehm; der stöhnt geheimnisvoll:
"Sei gut zu mir, gleich dir auch ich einst war."

 

90
Trinkt von dem Wein, vor dem die Ewigkeit versinkt.
Der unerschöpflich Jugendfreude spendend winkt,
Er brennt wie Feuer, doch des Tages Kümmernis
Verwandelt er in Lebenswasser, - darum trinkt!

 

91
Laß alten Brauch und mach' vom Wort dich frei,
Gib, was du hast, wie wenig es auch sei,
Verleumde nicht und kränke nicht die Menschen,
Das sichert dir den Himmel. Wein herbei!

 

92
Wein, rot wie Rosen! Rosenwasser quillt - deucht mir,
Im Glas, als wenn Rubin es leuchtend füllt - deucht mir,
Ja, ein Rubin in Wasser aufgelöst - deucht mir,
Im Monde glänzt das Sonnenlicht verhüllt - deucht mir.

 

93
Gelübde tu ich, doch ich halte keines,
Daß guter Name Wert hat, ich vernein' es,
Werft mir nicht vor, daß wie ein Narr ich handle,
Denn liebestrunken bin ich, wie des Weines.

 

94
Dies ist die Wahrheit und kein eitler Trug:
Wir sind nur Schachfiguren, jeden Zug
Macht auf des Lebens Schachbrett der Allmächt'ge
Und legt uns in den Kasten, wenn's genug.

 

95
Das Leben und die Wahrheit sind in stetem Fluß
O Herz, was nützet Sorge dir und was Verdruß.
Verzichte, laß dich auf der Zeiten Welle treiben,
Denn was die Feder schrieb, ist ewiger Beschluß.

 

96
Noch huscht ein Wolkenschatten über Rosen hin,
Noch steht nach neuem Weingenuß mir Herz und Sinn,
Noch darfst du nicht an süßen Schlummer denken, Lieb,
Noch ist es Tag, schnell füll' den Weinkrug, Schaffnerin!

 

97
Gen Himmel schleudert Staub, Verachtung ihm zu zeigen,
Trinkt Wein und jubelt laut in schöner Frauen Reigen,
Laßt jetzt das Beten, und das Allah! Allah! Rufen
Wir gehen all', doch wer kam je vom großen Schweigen?

 

98
Schenkt ein! schneeweiß bricht neu der Tag herein,
Rubinenglut entzündet er im Wein!
Zwei Klötze Aloë! Die Laute mach'
Aus einem, mit dem andern heize ein!

 

99
Wir taumeln wieder auf verbotnen Wegen,
Verzichten auf der fünf Gebete Segen,
Und unsre Hälse strecken sich, ja seht,
Wie eine Flasche dem Pokal entgegen.

 

100
Ich führ' den Krug zum Mund, er soll mich lehren,
Wie dieses Leben langer möchte währen,
Und meine Lippen küssend flüstert er:
"Trink Wein! Du wirst zur Welt nicht wiederkehren."

 

101
Ich will dir Rat erteilen, hör' mir zu:
Enthüllt vor Gott trotz Heuchelei, stehst du;
Das Nachher bleibt, Erscheinung ist ein Hauch,
Gib nicht für kurze Lust die ew'ge Ruh.

 

102
Chajjâm, solang du trunken bist von Wein, sei glücklich -
Solang im Schoße dir ein Mägdelein, sei glücklich -
Und da der Dinge Ende ist das Nichts,
So bilde, daß du nichts bist, stets dir ein! sei glücklich!

 

103
Zur Töpferwerkstatt ging ich in der Abendstunde -
Die Töpfe teils mit offnem, teils geschloßnem Munde,
Und einer schrie mich plötzlich giftgeschwollen an:
"Wo ist der Meister, wo der Händler, wo der Kunde?"

 

104
O dieser Geist, den sie im reinen Wein erkennen,
Löscht Gluten in den Herzen, die zu Asche brennen;
Schnell bringt herbei mir zwei, drei Gläser voll mit Wein!
Den besten Tropfen wollt ihr übles Wasser nennen?!

 

105
Wieg meine guten Taten einzeln ab,
Und dutzendweise, was Dir Anstoß gab;
Laß nicht den Wind der Rache Feuer schüren,
Vergib mir, Gott, um des Propheten Grab!

 

106
Der Geist des Weines ist von zarter Art,
Die Seele, die im Weinkrug wohnt, ist zart,
Nichts Schweres duldet Wein, sei's denn den Krug,
Weil hier sich Schwere mit der Zartheit paart.

 

107
Wo liegt die Grenze, wo das Ziel der Zeiten?
Da Wissen und Erfüllen mir entgleiten,
Laßt Frohsinn herrschen! Nichts ersetzt den Wein:
Wein löst die Knoten aller Schwierigkeiten.

 

108
Der Himmelsdom, das tiefste Rätsel der Natur,
Deucht uns wie eine magische Laterne nur;
Die Sonne ist die Kerze, und die Welt die Ampel,
Und jeder Mensch wie eine Schattenspielfigur.

 

109
Natur läßt sich nicht dingen, ist's nicht so?
Und Tat muß Leiden bringen, ist's nicht so?
Die Scham ob meiner Tat, die Du gesehn,
Wird zum Verzeihn Dich zwingen, ist's nicht so?

 

110
Laßt mich die Hand nach unverfalschtem Weine strecken,
Daß sich die Wangen mit Dschudschubis Farb' bedecken,
Laßt mich dem ruhelosen Intellekt den Wein
Ins Antlitz schütten, und er wird mich nicht mehr wecken.

 

111
Was sollen wir uns täglich sklavisch plagen,
Die Ewigkeit zählt nicht nach Lebenstagen,
Auch nicht nach Jahren; bringet Wein! wie bald
Wird man als Ton uns in die Werkstatt tragen.

 

112
In diesem Kloster ist kein langer Aufenthalt,
Und ohne Wein und Liebchen ist das Leben kalt;
Ihr streitet, ob die Welt geschaffen, ob urewig!
Und wenn ich geh', was tut's, ob neu die Welt, ob alt!

 

113
In Deiner Lieb' duld' Tadel ich zu hundert Malen,
Und brech' ich Deinen Bund, so muß ich Strafe zahlen,
Doch leichter als die Laune Deiner Grausamkeit
Ertrage ich bis an den jüngsten Tag die Qualen.

 

114
Die Welt vergeht, drum, wer sich nicht vergeht: ein Wicht,
So mache Lust ich mir und Weingenuß zur Pflicht,
Sie sagen stets zu mir: "Mög' Gott dir Einkehr geben!"
Er tut es nicht, und wenn Er's tät, so tät ich's nicht.

 

115
Bescheiden ging ich zur Moschee und spielt' den Frommen,
Bei Allah! war doch nicht zum Beten hingekommen.
Stahl einen Teppich mir, doch alt ist schon der Frevel,
Drum hätt' ich gern heut' einen neuen mir genommen.

 

116
Wenn mich des Schicksals hohler Tritt erreicht,
Und jede Lebenshoffnung mir entweicht,
Nimm meinen Staub und forme den Pokal,
Wenn Wein drin blinkt, erwache ich - vielleicht.

 

117
Ich kann nicht Köder von der Falle scheiden,
Moschee und Wein! Stets schwank' ich zwischen beiden;
Wein, Lieb und ich im Wirtshaus eingepökelt
Ist besser, als im Kloster "heil" zu leiden.

 

118
Noch einen Schluck des roten Weins, es will schon tagen,
Laßt uns am Stein das Glas des guten Rufs zerschlagen,
Weist's von der Hand, nach der Erlösung Weg zu fragen
Laßt uns, mit Liebchens Locken spielend, Laute schlagen.

 

119
Für Brot und eine Nische kehrten wir den Rücken
Der Welt und ließen uns von Gütern nicht bedrücken.
Wir kauften unsre Armut mit dem Blut des Herzens
Und fanden durch die Armut Güter, die beglücken.

 

120
Ich weiß des Seins und Nichtseins äußres Weben,
Ich weiß, was hoch und tief im Innenleben,
Doch meiner Weisheit will ich mich nicht brüsten,
Denn höchste Weisheit: Sich dem Trunk ergeben.

 

121
Wir liebten's, jung noch, einem Meister zuzuhören,
Der schnelle Fortschritt mußte unsem Sinn betören,
Dies war die Rede, die noch heut' der Deutung harrt:
Ihr kamt in Wassers Flut und geht mit Windes-Chören.

 

122
An dem, der die Mysterien versteht,
Die Freude wie das Leid vorübergeht,
An dir liegt's, ob Arznei, ob Schmerz du wahlest.
Bedenk, daß Gut und Schlecht mit dir verweht.

 

123
Nimm mit der Sûfi Beispiel du vorlieb,
Verstoß des Betens und des Fastens Trieb,
Befolg' 'Omar Chajjâms weltweisen Rat:
Trink Wein, üb' Straßenraub, doch Armen gib!

 

124
Der Menschheit Ernte aus dem salz'gen Sumpf
Ist Leiden, oder daß der Geist wird stumpf.
Ach! glücklich, wer der Erde schnell entflieht,
Doch überhaupt nicht kommen, wär' Triumph!

 

125
Sollst, Derwisch, auf dem Leib nicht bunte Schleier tragen,
Des Schleiers wegen sollst du nicht dem Leib entsagen,
Du kannst der Armut Lumpen um die Schultern legen
Und bleibst doch wert, die Trommel eines Schahs zu schlagen.

 

126
Sieh an des Weltenrades bösen Sinn,
Leer ist's, die Freunde gingen all' dahin.
Leb' für den Augenblick, denk nicht an morgen,
Vergiß das Gestem, heute heißt Gewinn.

 

127
Genuß von Wein im Kreise schöner Frauen
Ist mehr, als geistig blindes Gottvertrauen.
Gehn Wein- und Liebestrunkene zur Hölle,
Wird niemand eines Himmels Antlitz schauen.

 

128
Der Frohsinn soll in Leid sich nicht verzehren,
Der Stein der Weisen kann Genuß nicht lehren;
Ich finde keinen, der die Zukunft kennt.
Drum will ich trinken, lieben und begehren!

 

129
Das Schicksal ob des reinen Glaubens, den in dir und mir
Es haßt, bestimmte uns: er soll vergehn in dir und mir.
Sitz nieder auf dem Saatfeld, Freund, gar bald
Wird neu aus unserm Staub die Saat erstehn, aus dir und mir.

 

130
Wen fördert unser Kommen oder unser Gehen?
Wer kann den Einschlag in des Lebens Kette sehen?
Wie viele hehre Formen brannten schon zu Asche,
Und spurlos mußten sie mit ihrem Rauch verwehen!

 

131
Laß aller Wissenschaften Bücher schließen, 's ist besser so -
Laß Liebchens Locken durch die Finger fließen, 's ist besser so -
Bevor das Schicksal noch dein Blut verlangt.
Laß Rebenblut in deinen Becher gießen, 's ist besser so.

 

132
Die Diele habe ich mit meinem Bart gefegt,
Die Lust und Unlust beider Weiten abgelegt
Und wenn mir beide Weiten auch zu Füßen fielen,
So fändest du mich trunken schlafend, unentwegt.

 

133
Entsage außer'm Wein den Freuden allen, so ist's recht,
Wenn Weiber Wein kredenzend trunken lallen, so ist's recht,
Ja, lumpen, sumpfen, saufen bis die Pisces
Mit einem neuen Mond zusammenfallen, so ist's recht.

 

134
Der Himmel ist wie eine umgestülpte Schale,
In der gefangen Weisheit und die Ideale;
Halt Freundschaft wie Pokal und Krug: Wang' gegen Wang',
Verbunden beide mit dem blutigroten Strahle.

 

135
Der Wind zerzaust der Rose zartes Mieder,
Ihr weiht die Nachtigall die Liebeslieder.
Ruh' in der Rose Schatten! manche Rosen
Schon brach der Sturm, und Staub umfangt sie wieder.

 

136
Wie lang soll ich mich sorgen noch um das, was mein?
Wird hierdurch unbekümmerter mein Leben sein?
Füll' den Pokal, denn Wissen ward mir nicht gegeben,
Ob, wenn ich atme aus, ich wieder atme ein.

 

137
Wein' nicht die Augen ob der falschen Welt dir blind.
Wühl' nicht den Schmerz um die auf, die im Grabe sind.
Dein Herz schenk nur an Blüten- und an Peri-Töchter:
Trink Wein! schütt' nicht dein Leben aus wie Spreu vorm Wind.

 

138
Und bist du sechzig, wird das Leben schal;
Nur trunken trägst du dieses Lebens Qual;
Bis aus dem Schädel eine Schale wird,
Laß nicht den Krug und fülle den Pokal.

 

139
Ein alter Wein gilt mehr als neues Reich,
Drum keinen Schritt vom Weg des Weines weich!
Der Krug gilt hundert Throne Feridûns,
Der Deckel schon kommt Chosraus Krone gleich.

 

140
Sie ruhn im Staub, um die sich einst die Welt gedreht,
Sie lagen stets im Staub schon vor der Majestät
Der eignen Überhebung; Schenke, glaube mir:
Ihr Wort war nichts als leerer Schall, vom Wind verweht.

 

141
Den Weinkrug hast Du mir zerschellt, o Herr!
Die Tür des Glaubens mir verstellt, o Herr!
Den Wein verschüttet auf die Erde:
Wie seltsam lenkst Du diese Welt, o Herr!

 

142
O Herr, ein Etwas gabst Du jedem niedren Mann,
Du legtest Bäder, Mühlbach und Kanäle an.
Den Frommen, der die letzte Rinde Brot verspielt,
O Allah! führst gewißlich rasch Du himmelan!

 

143
Nicht können die geheimnisvollen Lehren
Spitzfind'ge Philosophen dir erklären,
Mach' hier mit Krug und Wein dir einen Himmel,
Vielleicht gelangst du einst nicht zu den Sphären!

 

144
Der Welten-Esse Qualm dich fast erstickt,
Wie lang' noch leiden, was das Kismet schickt?
Der Vorrat geht dir aus, der Quell versiegt,
Wenn Wucherzins das Kapital umstrickt.

 

145
Wirst du, o Seele, dich vom Staub des Leibs befrein,
Kannst du als reiner Geist in Himmelshöhen sein,
Am Throne Gottes kannst du weilen: Schande dir,
Gehst du mit deinem Leib zum Staub der Erde ein.

 

146
Mein Glas zerschlug am Stein ich weingelaunt,
Und ob des Frevels bin ich jetzt erstaunt.
"Ich war wie du, und du wirst sem wie ich."
Die Scherbe hat's geheimnisvoll geraunt.

 

147
Geliebte, halt dich an Pokal und Schale,
Und wandre froh im strombenetzten Tale;
Grausamer Himmel! Hundertmal schon machtest
Aus Menschen neu du Schalen und Pokale.

 

148
Auf meinem Weg legst Fallen Du an hundert Stellen
Und sprichst: "Ein Fehltritt nur, und ich werd' dich zerschellen"
Von Dir ist jedes kleinste Ding der Welt bestimmt,
Du ordnest alles an, und mich nennst Du Rebellen!

 

149
Ein Buch mit Versen und ein wenig Wein,
Ein halbes Brot, und dann mit dir allein
Zusammen dort in tiefverschwiegner Wildnis
Ist besser, als des Landes Schah zu sein.

 

150
Durchbrich des Kummers graues Einerlei,
Herrscht Unrecht auch, des Rechtes Beispiel sei.
Da aller Dinge Ende ist das Nichts,
So wähne, daß du nichts bist - und sei frei!

 

151
Nach allen Seiten blick' ich. Hell und klar
Im Garten rieselt Wasser vom Kausár:
Die Wüste wird zum Himmel, Hölle schwindet,
Der Himmel lacht aus Liebchens Augenpaar.

 

152
Den Lohn empfingst du für dein Sorgen - gestern
Vor deinen Wünschen ist geborgen - Gestern.
Leb froh! denn ohne daß du dich bemühst,
Bestellt geschaftig dir dein Morgen - Gestern.

 

153
Laßt tulpenfarb'gen Wein in eure Gläser gießen,
Laßt rotes, reines Blut vom Hals des Kruges fließen,
Denn außer meinem Krug, gefüllt mit rotem Wein,
Sie keinen einz'gen Freund mir reinen Herzens ließen.

 

154
Der Himmel hat mir flüsternd offenbart:
"Das Schicksal bleibt mir selber nicht erspart.
Ach, läg' in meiner Hand die eig'ne Drehung,
Ich hätte vor dem Schwindel mich bewahrt."

 

155
Ja, einen Schlauch voll Wein, uns zu beglücken,
Ein Weizenbrot und einen Hammelrücken,
Und du und ich in stiller Einsamkeit,
Wär' Lust, selbst einen Sultan zu entzücken.

 

156
Und trinkst du Rebensaft zwiefacher Art,
Bleibst du von jedem Vorurteil bewahrt,
Der Weltenformer hat nicht vorbedacht,
Daß dir ein Schnurrbart sprießt und mir ein Bart.

 

157
Ich wär' nicht hier, könnt' ich das Schicksal weben,
Und ging' jetzt nicht, könnt' ich ihm widerstreben,
Ja besser war's, in dieser Welt des Staubes
Nicht kommen und nicht gehen und nicht leben.

 

158
Was Ramadân verbot, Schawwâl soli's geben!
Erzähler schrein, ein Wirbel faßt das Leben,
Die Träger schultem ihre Kalabassen
Und helfen frisch der andern Last zu heben.

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