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Die Lieder und Sprüche des Omar Chajjâm. Verdeutscht von Friedrich Bodenstedt. Breslau, Schletter'sche Buchhandlung, 1881. 
Full text online version

Quatrains from Bodenstedt's translation that correspond with the Bodleian Ms.


Bodenstedt's translation Heron-Allen's translation

I 2

Ich bin in stetem Kampf mit meinem Herzen, - was soll ich thun
Erinn'rung früh'rer Schuld macht mir viel Schmerzen - was soll ich thun?
Verzeihst Du, Herr, auch gnädig meine Sünden:
Das Schuldbewußtsein ist nicht auszumerzen, - was soll ich thun?

109

I do not always prevail over my nature, — but what can I do ?
and I suffer for my actions, — but what can I do ?
I verily believe that Thou wilt generously pardon me
on account of my shame that Thou hast seen what I have done, — but what can I do?

I 17

Ich mag lieber mit Dir sein in der Schencke,
Um dir Alles zu sagen, was ich denke,
Als ohne Dich vor die Kanzel treten,
In gedankenlosen Worten zu beten.
Ja, Du Schöpfer aller Dinge
Im kreisenden Weltenringe,
So will ich leben und sterben,
Zum Segen oder Verderben!

2

If I talk of the mystery with Thee in a tavern,
it is better than if I make my devotions before the Mihrab without Thee.
O Thou, the first and last of all created beings!
burn me an Thou wilt, or cherish me an Thou wilt.

I 31

Ein jegliches Herz, das die Liebe verklärt,
Gleichviel welcher Glaube die Andacht nährt,
Hat die Leuchte zum Ziel alles Höchsten gefunden,
Hat Himmel und Hölle in sich überwunden.

15

Already on the Day of Creation beyond the heavens my soul
searched for the Tablet and Pen and for heaven and hell;
at last the Teacher said to me with His enlightened judgment,
"Tablet and Pen, and heaven and hell, are within thyself."

II 8

Was quälst Du Dich um Schuld, die längst geschah?
Ist Gnade doch nur für die Schuld'gen da.
Drum, wer sich rühmt, daß er vom Tugendpfade
Sich nie verirrt, der findet keine Gnade.

23

Khayyám, why mourn thus for thy sins?
from grieving thus what advantage, more or less, dost thou gain?
Mercy was never for him who sins not,
mercy is granted for sins—why then grieve?

II 10

Der Koran, als heiliges Buch geweiht,
Wird doch nur gelesen von Zeit zu Zeit;
Nur der sonnige Becher lockt immer vertraulich
Zur Quelle des Lichts, und wirkt immer erbaulich.

6

The Qur'an, which men call the Supreme Word,
they read at intervals but not continually,
but on the lines upon the goblet a text is engraved
which they read at all times and in all places.

II 12

Von den Dogmen glaub nur solche, die den Geist zu Gott erheben.
Von dem Brote, das Du hast, wirst Du gern auch Andern geben.
Sprich nichts Böses, thu nur Gutes, suche keines Menschen Pein,
Und Du wirst das ewige Leben haben, sag' ich Dir. Nun bring mir Wein!

91

Follow not the Traditions, and leave alone the Commands,
withhold not from anyone the morsel that thou possessest:
neither slander, nor afflict the heart of anyone,
I guarantee you the world beyond—bring wine!

II 22

Von allen Seiten hast Du uns mit Schlingen bedroht
Und sprichst: wer hineinfällt, den trifft der Tod.
Du suchst selbst uns verlockende Fallen zu stellen
Und strafst dann, wen sie verlockt, als Rebellen.

148

In a thousand places on the road I walk. Thou placest snares,
Thou sayest, "I will catch thee if thou placest step in them";
in no smallest thing is the world independent of Thee,
Thou orderest all things, and callest me rebellious.

III 3

Von allen Seiten hast Du uns mit Schlingen bedroht
Und sprichst: wer hineinfällt, den trifft der Tod.
Du suchst selbst uns verlockende Fallen zu stellen
Und strafst dann, wen sie verlockt, als Rebellen.

9

This jug was once a plaintive lover as I am,
and was in pursuit of one of comely face;
this handle that thou seest upon its neck
is an arm that once lay around the neck of a friend.

III 10

Nur als Gürtel schlingt das Weltall sich um unser dürftig Sein,
Eine Spur nur ist der Oxus unsrer blutigen Thränenpein.
Nur ein Funke ist die Hölle selbsterzeugten Qualgeschicks,
Und der Himmel nur der Segen eines ruhigen Augenblicks.

33

The heavenly vault is the girdle of my weary body,
Jihun is a water-course worn by my filtered tears,
hell is a spark from my useless worries.
Paradise is a moment of time when I am tranquil.

IV 1

Kein Mensch kann den Schleier der Schöpfung heben,
Uns ward nur ein Obdach auf Erden gegeben,
Die auch von Geheimnissen so erfüllt,
Daß keines Menschen Geist sie enthüllt.

29

No one can pass behind the curtain that veils the secret,
the mind of no one is cognizant of what is there;
save in the heart of earth we have no haven.
Drink wine, for to such talk there is no end.

IV 4

Durch meine Geburt ward der Welt kein Vortheil geboren;
Durch mein Scheiden wird ihr nichts gewonnen noch verloren.
Warum ich gekommen, warum ich muß scheiden,
Vernahmen noch nie meine beiden Ohren.

51

My coming was of no profit to the heavenly sphere,
and by my departure naught will be added to its beauty and dignity;
neither from anyone have my two ears heard
what is the object of this my coming and going.

IV 9

Keiner hat noch das ewige Dunkel des Werdens durchdrungen,
Keinem ist je ein Schritt hinaus aus sich selber gelungen;
Wissen der Weisen wie Thoren,
Ganz unzulänglich ist Alles,
Was eine Mutter geboren,
Ganz unzulänglich ist Alles.

72

No one has solved the tangled secrets of eternity,
no one has set foot beyond the orbit,
since, so far as I can see, from tyro to teacher,
impotent are the hands of all men born of woman.

IV 16

Bei einem Töpfer sah ich gestern zweitausend Krüge,
Die einen stumm, die andern redend als ob jeder früge:
Wer hat uns geformt und wo stammen wir her?
Wer ist hier der Käufer, und der Verkäufer, wer?

103

I went last night into the workshop of a potter,
I saw two thousand pots, some speaking, and some silent;
suddenly one of the pots cried out aggressively: —
"Where are the pot maker, and the pot buyer, and the pot seller?"

IV 20

Willst Du Dein Ohr mir folgsam neigen
Und wahre Liebe zu Gott bezeigen,
Laß mich als guten Rath Dir sagen:
Nie den Mantel der Heuchelei zu tragen.
Zur Ewigkeit zählt jede Stunde,
Und dies Leben währt nur eine Secunde:
Willst Du um solchen Hauch von Zeit
Verkaufen das Reich der Ewigkeit?

101

I will give thee counsel if thou wilt give ear to me,
for the sake of God do not wear the garment of hypocrisy,
the hereafter will fill all hours, and the world is but a moment,
do not sell the kingdom of eternity for the sake of one moment.

V 1

Urewig vorgezeichnet ist der Dinge Kern;
Der Griffel bleibt dem Guten wie dem Bösen fern;
Was Gott als Schicksal vorbestimmt, muß sich vollenden,
Mag, wie er will, der eitle Mensch sich drehn und wenden.

31

From the beginning was written what shall be;
unhaltingly the Pen writes, and is heedless of good and bad;
on the First Day He appointed everything that must be —
our grief and our efforts are vain.

V 5

Um Höllenfurcht und Himmelshoffnung drehn
Sich Kirchen, Synagogen und Moscheen;
Doch wer gedrungen bis zum Quell des Lichts,
Macht sich aus Himmel und aus Hölle nichts.

24

In cell, and college, and monastery, and synagogue
are those who fear hell and those who seek after heaven;
he who has knowledge of the secrets of God
sows none of such seed in his heart of hearts.

V 8

Glaub' nicht, daß Alles vom Himmel bestimmt,
Was Gutes und Böses im Menschen glimmt,
Was das Herz betrübt und das Herz erhellt,
Je nachdem es dem launischen Schicksal gefällt.
Das Himmelsrad kreist ohne Ruh
Und ist weit schlimmer daran als Du
Im Wirrsal und getriebe
Auf der Bahn der ewigen Liebe.

41

The good and the bad that are in man's nature,
the happiness and misery that are predestined for us —
do not impute them to the heavens, for in the way of Wisdom
those heavens are a thousandfold more helpless than thou art.

V 19

Wir sind hier nichts als ein Spielzeug des Himmels und der Natur;
Dies ist als Wharheit gemeint, nicht metaphorisch nur.
Wir gehen, wie die Steine im Brettspiel, durch vieler Spieler Hände,
Und werden bei Seite geworfen in's Nichts, wenn das Spiel zu Ende.

94

To speak plain language, and not in parables,
we are the pieces and heaven plays the game,
we are played together in a baby-game upon the chessboard of existence,
and one by one we return to the box of non-existence.

V 32

O Seele, kannst Du den Leiden des Körpers entschweben,
So wirst Du den Flug zum Himmel erheben,
Wirst in den Höhen des Lichtes thronen
Nach der Schmach, in der Welt des Staubes zu wohnen.

145

O soul! if thou canst purify thyself from the dust of the body,
thou, naked spirit, canst soar in the heavens,
the Empyrean is thy sphere,—let it be thy shame,
that thou comest and art a dweller within the confines of earth.

VI 2

Dies ist die Zeit, wo die Welt sich schmückt mit Grün,
Wo, wie Mosis Hand, alle Zweige von Knospen glühn,
Wo die Pflanzen sprossen wie von Jesu Odem belebt
Und die Wolke weinend sich selbst begräbt!

13

Now that there is a possibility of happiness for the world,
every living heart has yearnings towards the desert,
upon every bough is the appearance of Moses' hand,
in every breeze is the exhalation of Jesus' breath.

VI 5

Eh' Du ein Opfer wirst der Pein des Lebens,
O Holde, trink den rosigen Wein des Lebens.
Der Thor nur glaubt, daß man wie Gold ihn nieder
In's Grab senkt und als Gold herauszieht wieder.

68

Ere that fate makes assault upon thy head,
give orders that they bring thee rose-coloured wine;
thou art not treasure, O heedless dunce, that thee
they hide in the earth and then dig up again.

VII 4

Ich weiß nicht, ob, wer Lebensodem in mich blies,
Kam von der Hölle her oder vom Paradies;
Derweil ich hier bei Wein und Spiel von schöner Hand,
Was Ihr im Paradiese sucht, schon lange fand.

40

I know not whether he who fashioned me
appointed me to dwell in heaven or in dreadful hell,
but some food, and an adored one, and wine, upon the green bank of a field—
all these three are cash to me: thine be the credit-heaven!

VII 17

Zähl' einfach meine Tugenden und zehnfach meine Sünden,
Doch Gott zu Liebe mußt Du mir für diese Gnade verkünden.
Statt durch den Hauch der Leidenschaft des Hasses Glut zu schüren:
Zu Ehren des Prophetengrabs laß zum Verzeihn Dich rühren.

105

Regard my virtues one by one, and forgive my crimes ten by ten,
pardon every crime that is past, the reckoning is with God!
let not the wind and air fan the flame of thy rancour,
by Muhammad's tomb! forgive me.

VII 41

Alle, die uns schon verlassen haben, o Freund!
Sind im Staube ihres Stolzes begraben, o Freund!
Trinke Wein und vernimm meine Worte der Wahrheit:
Wind war Alles, was sie geredet haben, o Freund!

140

Those, O Saki, who have gone before us,
have fallen asleep, O Saki, in the dust of self-esteem;
go thou and drink wine, and hear the truth from me,
whatever they have said, O Saki, is but wind.

VIII 23

Weder heiß noch kalt ist's heute, ein prächtiges Wetter:
Frisch vom Regen gewaschen prangen Rosenkelche und Blätter,
Und die Nachtigall scheint zu den gelben Blumen zu singen:
Lasset auch Ihr von dem himmlischen Naß Euch belebend durchdringen.

67

It is a pleasant day, and the weather is neither hot nor cold;
the rain has washed the dust from the faces of the roses;
the nightingale in the Pehlevi tongue to the yellow rose
cries ever:—"Thou must drink wine!"

IX 49

Im Traum scholl eine Stimmemir in's Ohr:
Im Schlaf erblüht Dir nichts des Glückes Rosenflor.
Trink lieber Wein! Schlaf gleicht dem Todeszustand,
Du hast noch Zeit dazu im ewigen Ruhstand.

27

I fell asleep, and wisdom said to me: —
"Never from sleep has the rose of happiness blossomed for anyone;
why do a thing that is the mate of death?
Drink wine, for thou must sleep for ages."

IX 62

Hab' Acht! Deine Seele wird Dir entschweben
Und der Schleier der Ewigkeit sich vor Dir heben.
Trink Wein, denn Du weißt nicht und kannst nicht verstehn,
Woher Du gekommen, wohin Du wirst gehn.

26

Know this—that from thy soul thou shalt be separated,
thou shalt pass behind the curtain of the secrets of God.
Be happy—thou knowest not whence thou hast come:
drink wine—thou knowest not whither thou shalt go.

IX 66

Diese Lebenskarawane ist ein seltsamer Zug,
Darum hasche die flüchtige Freude im Flug!
Mach' Dir um künftigen Gram keine Sorgen,
Fülle das Glas, bald naht wieder der Morgen!

60

This caravan of life passes by mysteriously;
mayest thou seize the moment that passes happily!
Cup-bearer, why grieve about the to-morrow of thy patrons?
give us a cup of wine, for the night wanes.

IX 88

Schon athmet der Morgen, begrüßen wir froh ihn beim Weine
Und werfen des Leumunds zerbrechliches Glas auf die Steine.
Entsagen wir leicht allen schwer zu erreichenden Zielen,
Um in üppigen Locken beim Klange der Harfe zu spielen.

118

It is morning: let us for a moment inhale rose-coloured wine,
and shatter against a stone this vessel of reputation and honour;
let us cease to strive after what has long been our hope,
and play with long ringlets and the handle of the lute.

X 9

Einen Töpfer sah ich gestern im Basar,
Der ganz wüthig im Stampfen von Thonerde war;
Diese schien ihm zu sagen: Freund, mich zu erweichen,
Behandle mich menschlich, ich war auch Deinesgleichen!

89

I saw a potter in the bazaar yesterday,
he was violently pounding the fresh clay,
and that clay said to him, in mystic language,
"I was once like thee—so treat me well."

X 16

Wein, Brot, ein gutes Buch der Lieder:
Ließ ich damit selbst unter Trümmern mich nieder,
Den Menschen fern, bei Dir allein,
Würd' ich glücklicher als ein König sein.

149

I desire a little ruby wine and a book of verses,
just enough to keep me alive and half a loaf is needful;
and then, that I and thou, should sit in a desolate place
is better than the kingdom of a sultan.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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